Zwischen Zuversicht und Zukunftsangst

von Judith Jenner Artikel

An den Zwischenlagerstandorten für schwach- und mittelradioaktive Abfälle hofft man auf die baldige Fertigstellung des Endlagers Konrad. Ein Stimmungsbild.

Mit dicker Fahne dampft der Kühlturm des Kernkraftwerks Isar 2 bei Niederaichbach. Ende 2022 soll der Atommeiler vom Netz gehen. Der Betrieb von Isar 1 wurde bereits 2011 eingestellt. Für die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle aus seinem Rückbau wird momentan eine Halle gebaut. Darin warten die belasteten Bauteile dann auf den Abtransport in das Endlager Konrad in Salzgitter.

Gut 300 000 Kubikmeter Atommüll, davon 75 Prozent aus der Kernenergie und der Rest aus der Medizintechnik, soll das ehemalige Eisenerzbergwerk fassen. Auch wenn der Schacht nach jetziger Planung 2027 aufnahmebereit ist, geht Niederaichbachs Bürgermeister Josef Klaus (CSU) von einer längeren Lagerzeit in seiner Gemeinde aus. „Bei diesen Mengen werden weitere 10 bis 15 Jahre ins Land gehen“, schätzt er.

Seit 2014 im Amt, engagiert sich Josef Klaus für eine gerechte Verteilung der Atomlasten in Deutschland. „Die Ungewissheit ist das Unbefriedigende für mich“, sagt er. „Es ist klar, dass die Abfälle oberirdisch zwischengelagert werden müssen. Wir brauchen aber auf lange Sicht eine Perspektive unter Tage. Wenn man alle geologischen und sonstige Faktoren berücksichtigt, geht davon auch keine Gefahr aus.“

Gerade wurde Josef Klaus zum ersten Mal Großvater. Er hofft, dass sein Enkel den Abtransport der radioaktiven Abfälle aus Niederaichbach noch miterlebt.


Zwischenlager darf kein Endlager werden


400 Kilometer westlich im baden-württembergischen Philippsburg war das Kernkraftwerk jahrzehntelang ein beliebter Arbeitgeber. „Aus fast jeder Familie arbeitete jemand dort“, sagt Dieter Day, Beigeordneter des Gemeinderats und für die Finanzen der Kommune zuständig.

Ende 2019 stoppte der Betreiber EnBW die Stromproduktion. Wenig später begann der Rückbau. Schwach- und mittelradioaktive, aber auch hochradioaktive und freigemessene Abfälle lagern momentan auf dem Kraftwerksgelände. Für Letztere gibt es im Landkreis bisher keine passende Deponiefläche.

„Wir befürchten, dass das Zwischenlager zum Endlager wird, weil es anderswo Proteste gibt“, beschreibt Dieter Day die Sorge vieler Bürger*innen mit Blick auf die neuerlichen rechtlichen Auseinandersetzungen um das Endlager Konrad. Die oberirdische Lagerung mache die Hallen anfällig für terroristische Anschläge aus der Luft. Nach der Analyse von Dieter Day bekomme die Stadt den Standortnachteil jetzt schon zu spüren: Unternehmen entscheiden sich gegen sie.

„Die Leute denken immer, dass wir Gott weiß was mit der Kernkraft verdient haben“, echauffiert sich der Fachbeamte für das Finanzwesen. Lediglich 15 bis maximal 20 Prozent der Gewerbesteuer blieben in Philippsburg hängen. Den Rest musste die Kommune im Rahmen des Finanzausgleichs abgeben, argumentiert Day.

Gelbe Kreuze sind das Kennzeichen der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“. Sie stehen in Vorgärten und prangen an Hauswänden. Seit mehr als 40 Jahren engagieren sich die Mitglieder gegen die Lagerung von Atommüll in der Stadt im westlichen Münsterland. Als fachlich kompetent und gut vernetzt bezeichnet sie die parteilose Bürgermeisterin Karola Voß anerkennend. „Mein Eindruck ist, dass sich viele Bürger durch die Initiative, aber auch durch Politik und Verwaltung gut vertreten fühlen“, sagt sie.

Auf dem Wochenmarkt ist das Zwischenlager daher eher kein Thema. Bei Wahlen hingegen schon. Oft werden die Kandidat*innen gefragt, wie sie zu den Backsteinhallen am Stadtrand stehen. Dort lagern sowohl Brennelemente aus Atomkraftwerken als auch schwach- und mittelradioaktiver Abfall aus ihrem Betrieb und Rückbau sowie aus Forschungseinrichtungen.

Die öffentliche Diskussion flammte zuletzt im vergangenen Jahr auf, als die Bezirksregierung die Genehmigung für das eigentlich nur auf zehn Jahre angelegte Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle bis 2057 verlängerte. Der Grund: Der Zeitraum, in dem im Schacht Konrad Abfälle eingelagert werden, beträgt bis zu 30 Jahre.


„Die Leute denken immer, dass wir Gott weiß was mit der Kernkraft verdient haben“ Dieter Day, Stadt Philippsburg

Auch wenn das Lager für radioaktive Abfälle in Ahaus politisch gewollt war, beharrt Karola Voß auf einer zeitlichen Begrenzung. Ihr ist wichtig, dass durch dezentrale Lager die Lasten auf ganz Deutschland verteilt sind. „So liegt die Verantwortung auf mehreren Schultern und das Thema bleibt präsent“, meint sie. „Potenziell gefährliche Transporte in zentrale Zwischenlager werden vermieden.“


Karola Voß hofft, dass der Zeitplan für den Schacht Konrad verlässlich eingehalten wird. Das würde das Vertrauen der Bürger*innen stärken, meint sie.

Wie ein Sinnbild für alte und neue Energiegewinnung ragt das Kernkraftwerk Brokdorf hinter dem Elbdeich hervor, während sich am gegenüberliegenden Ufer Windräder drehen. Noch bis Ende 2021 produziert das Kernkraftwerk Strom. Dann beginnt der Rückbau des Reaktors. Fünf bis sechs Jahre dauert es, bis die Anlage frei von Brennelementen ist. Erst dann fällt schwach- und mittelradioaktiver Abfall an. Dafür hat der Betreiber bereits eine Genehmigung für eine Bereitstellungshalle beantragt, sagt Bürgermeisterin Elke Göttsche (CDU).

Die Gemeinde könnte sich vorstellen, einen Teil des Kernkraftwerks als Museum zu erhalten. Auch für die Lehrlingswerkstätten sieht Göttsche eine Zukunft. Sie ist überzeugt: „Wir werden noch lange Fachkräfte benötigen, die sich mit den Rückständen der Kernkraft auskennen.“

Sorgen bereiten ihr die öffentlichen Zweifel am Endlager Konrad. Sollte die Suche nach einem Endlagerstandort neu aufgerollt werden, müsste ihre Kommune deutlich länger mit dem schwach- und mittelradioaktiven Abfall leben.


Die Sache mit dem Stand der Technik

Tatsächlich stammt der Planfeststellungsbeschluss – die „Baugenehmigung“ – aus dem Jahr 2002. Und natürlich entwickeln sich wissenschaftliche Erkenntnisse und technischer Fortschritt stetig weiter – was bei der Umsetzung von Großprojekten grundsätzlich zu berücksichtigen ist. Auch und vor allem im Fall des Endlagers Konrad. 2016 startete daher eine „Überprüfung der sicherheitstechnischen Anforderungen für das Endlager Konrad“, kurz: ÜsiKo. Im Rahmen dieses Verfahrens prüfen Wissenschaftler*innen und Ingenieur*innen, ob es aus heutiger Sicht sicherheitsrelevante Bedenken gibt, die damals, vor 20 Jahren, noch nicht erkannt werden konnten.

Noch ist die ÜsiKo nicht abgeschlossen. Nach dem Ende der ersten Phase dieses Verfahrens 2020 stellten die Expert*innen einen Katalog mit sicherheitsrelevanten Fragen vor, die intensiver betrachtet werden sollen. Falls nötig, werden einzelne Planungen und Baumaßnahmen aufgrund neuer Erkenntnisse angepasst. Grundsätzliche Bedenken wegen der Sicherheit des Endlagers Konrad ergeben sich aus Sicht der Expert*innen aber nicht.


Die Autorin

Judith Jenner arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt für Print- und Online-Medien über Bauen, Wirtschaft und Gesellschaft.

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