Vom Umgang mit Kritik und Fehlern

03.12.2018 von Christoph Scheld Interview

Einleitung

Seit April 2017 ist die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) damit beauftragt, einen Standort für ein Endlager zu suchen. Ein Gespräch mit den beiden verantwortlichen Geschäftsführern Stefan Studt und Steffen Kanitz über diese große Herausforderung


Podcast

Ist sichere Endlagerung über 1 Million Jahre möglich? Wie sucht die BGE nach einem Endlager? Wie organisiert sie ein lernendes Verfahren? Und wird das Endlager 2050 wirklich fertig sein?

Was läuft gut bei der Standortsuche? Wie funktioniert der Datenaustausch mit den Bundesländern? Reichen die Finanzmittel? Und wie geht die BGE mit dem Standort Gorleben um?


Einblicke:

Deutschland steigt aus. 2022 soll das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen. Deutschland wird dann 60 Jahre lang Atomstrom produziert haben – und Atommüll: allein 27.000 Tonnen hochradioaktiven Abfall. Der soll für mehr als eine Million Jahre sicher verwahrt werden. Ist das überhaupt realistisch?

Studt: Ich bin wirklich froh, dass wir den Ausstiegsbeschluss haben und dass dieser auch gesellschaftlicher wie politischer Konsens ist. Aber die Verantwortung für die hochradioaktiven Abfälle bleibt natürlich. Eine Million Jahre bestmögliche Sicherheit ist eine Perspektive, die man sich mit menschlichem Ermessen gar nicht vorstellen kann. Aber sie ist geologisch abgeleitet sowie gesetzlich fixiert und von daher unsere Leitmarke.


Mehr Informationen zum aktuellen Bestand an radioaktiven Abfällen in Deutschland finden Sie hier".

Der vollständige Text des Standortauswahlgesetzes („Gesetz zur Suche und Auswahl eines Standortes für ein Endlager für Wärme entwickelnde radioaktive Abfälle“) kann auf der Internetseite des Bundesumweltministeriums nachgelesen werden.

Detailliertere Informationen zum neuen, transparenten Verfahren der Standortauswahl gibt es auf der Transparenzplattform des Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE).


Vor gut anderthalb Jahren hat die Suche nach einem Standort für hochradioaktive Abfälle begonnen, bis 2031 wird gesucht, auf einer weißen Landkarte. Wie gehen Sie vor?

Kanitz: Wir gehen gestuft vor. Wir fangen an, indem wir die Daten sammeln und auswerten, die es schon über den tiefengeologischen Untergrund in Deutschland gibt. Das ist die Maßgabe, die uns der Bundestag mit auf den Weg gegeben hat: „Sucht ein Endlager unter Tage.“ Weil wir davon ausgehen, dass geologische Barrieren dauerhafter bestehen als von Menschen gemachte Bauwerke.

Und deshalb müssen Sie jetzt Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes in der Tiefe erfassen?

Kanitz: So ist es. Diese Daten werden von uns im Moment gesammelt, gesichtet und ausgewertet. Es handelt sich um 600.000 Datensätze, die wir bereits von den Länderbehörden bekommen haben und die wir jetzt analysieren.


© Frank Schinski
BGE-Geschäftsführern Stefan Studt und Steffen Kanitz standen Rede und Antwort

Wie?

Kanitz: Zunächst anhand der Ausschlusskriterien. Beispielsweise vulkanische Aktivität. Auch wo Sie große geologische Bewegung unter Tage oder über Tage haben, können Sie kein Endlager bauen. Ein weiteres Ausschlusskriterium ist die bergbauliche Aktivität. Also dort, wo eine Lagerstätte unter Tage schon angebohrt ist, schafft man Wegsamkeiten für Wasser. Wasser ist in Bezug auf Endlager kritisch zu sehen. Wir erstellen sozusagen eine Landkarte, auf der wir sukzessive einzelne Gebiete ausschließen. Der zweite Schritt ist die Anwendung der Mindestanforderungen. Beispielsweise brauchen wir einen einschlusswirksamen Gebirgsbereich mit einer Mächtigkeit von mindestens 100 Metern.


Diese Präsentation erklärt genauer, nach welchen Ausschlusskriterien, Mindestanforderungen und geowissenschaftlichen Abwägungskriterien einzelne Gebiete Deutschlands von der weiteren Standortsuche ausgeschlossen werden.


Was heißt „einschlusswirksam“?

Kanitz: Das heißt, Sie haben ein homogenes Gestein unter Tage, eine einheitliche Gesteinsschicht, die nicht zerfasert ist durch andere Gesteinsformationen, sondern die in der Tat einen Block bildet. Dann können wir davon ausgehen, dass er über lange Jahre, Jahrzehnte und Jahrtausende Bestand hat. Dieser Gesteinsblock muss mindestens 100 Meter dick sein, und er muss sich mindestens 300 Meter unter der Erdoberfläche und in einem als geeignet angesehenen Gestein befinden. Das Gesetz nennt Salz, Kristallin und Ton. Danach werden die Gebiete mit den geowissenschaftlichen Abwägungskriterien angeschaut und eine Bewertung abgegeben, ob der Standort besonders vorteilhaft ist oder im Vergleich zu anderen Standorten weniger vorteilhaft abschneidet. Wir kommen dann am Ende zu einer Landkarte, die nicht mehr ganz weiß ist, sondern die Standortregionen ausweist, die potenziell geeignet sind, und andere, die wir sicher ausschließen können.

Ergebnisoffen, wissensbasiert, transparent, das klingt ja alles sehr gut. Aber wenn man ganz ehrlich ist – um bei dem Beispiel mit dem Vulkanismus zu bleiben –, es wird doch niemand mit Sicherheit sagen können: „An dieser Stelle wird auch in einer Million Jahre kein Vulkan sein.“ Also es kann doch immer nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit einer Prognose geben.

Kanitz: Da haben Sie sicherlich recht. Auch wenn Ihnen Geologen natürlich sagen, dass die Prognose der Geologie nicht so schwer ist – jedenfalls dort, wo Sie wenig Verschiebungen haben, und das ist in großen Teilen Deutschlands der Fall. Wir leben ja glücklicherweise nicht in einem Land wie Japan, das mit mehr als 1.000 Erdbeben im Jahr von großen tektonischen Bewegungen geprägt ist, sondern hier gibt es große Zonen mit einer sehr ruhigen Geologie. Für die Geologen sind Zeiträume von einer Million Jahre keine riesengroßen Zeiträume, sondern eigentlich relativ kleine. Trotzdem haben Sie recht: Eine absolute Sicherheit wird es nie geben. Das ist mir auch wichtig in dem Verfahren, dass wir keine falsche Erwartungshaltung wecken, sondern dass wir deutlich machen: Wir finden den unter den Rahmenbedingungen bestmöglichen Standort, den Standort, der die bestmögliche Sicherheit gewährleistet. Das heißt nicht, dass er unumstritten sein muss.

Sie haben die Aufgabe, ein lernendes Verfahren umzusetzen. Das Grunddilemma solcher Großprojekte ist ja, dass sie sich ewig hinziehen. Häufig ist die Planung, wenn das Projekt in Betrieb geht, nicht mehr „State of the Art“. Wie wollen Sie das beim Atommüllendlager verhindern?

Kanitz: Das fängt bei uns selbst an, bei der Organisation, bei den Mitarbeitern. Offen zu sein für Neues und eine Fehlerkultur zu entwickeln. Wir sagen: Ihr müsst euch ständig und jeden Tag selbst hinterfragen. Nur weil wir viel Arbeit in ein Thema reingesteckt haben, müssen wir es nicht bis zum Schluss verteidigen. Wir brauchen die Offenheit für Kritik und Anregungen von außen. Wir müssen und wollen Kritik als etwas Positives annehmen.

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BGE-Geschäftsführer Stefan Studt

„Wir sagen: Ihr müsst euch ständig und jeden Tag selbst hinterfragen. Nur weil wir viel Arbeit in ein Thema reingesteckt haben, müssen wir es nicht bis zum Schluss verteidigen.“

Studt: Ich glaube schon, dass das hier gewählte Verfahren mit ständigen Interaktionen zwischen uns als Betreiber, der Aufsicht, der Bundesregierung und dem Gesetzgeber einzigartig ist. Da sind viele Korrektive, aber auch die Möglichkeit der juristischen Überprüfung durch das Bundesverwaltungsgericht eingebaut. Das Gesetz erlaubt zudem Rücksprünge, wenn Fehler gemacht werden. Da ist die deutsche Gründlichkeit in der Meinungs- und Entscheidungsfindung sehr ausgeprägt. Aber es gibt eben auch die Erfahrung aus den vergangenen Jahrzehnten. Dieser transparent darzustellende Prozess ist zwingend notwendig, wenn wir überhaupt eine Chance haben wollen, am Ende für einen Standort Akzeptanz zu erzielen.


Das klingt alles sehr durchdacht. Aber Atomkraft ist in Deutschland kein rationales Thema.

Kanitz: Das ist natürlich Herausforderung und Risiko zugleich. Zunächst gab es ja die sehr emotionale Debatte um die Frage: Wollen wir Atomkraft oder nicht? Aber jetzt geht es um den Müll, der zurückgeblieben ist. Ich erlebe ganz rationale Diskussionen gerade bei jungen Leuten. Junge Menschen sehen nicht hinter jedem Argument eine Finte. Zwar werden wir keine schwedischen Verhältnisse bekommen, wo sich Kommunen um ein Endlager bewerben. Aber wenn wir es schaffen, Vertrauen für die Arbeit der BGE zu gewinnen durch transparente und wissenschaftlich fundierte Arbeit, dann ist das die beste Grundlage für eine Entscheidung, die am Ende akzeptiert wird.

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BGE-Geschäftsführer Steffen Kanitz

„Ich erlebe ganz rationale Diskussionen gerade bei jungen Leuten. Junge Menschen sehen nicht hinter jedem Argument eine Finte.“

Eine Prognose zum Schluss: Wann haben wir in Deutschland ein Endlager für hochradioaktiven Müll?

Studt: Also 2050 ist 2050, das ist das genannte Datum. Und es kann gar nicht anders sein, als dass wir, die in der Verantwortung sind, dieses Datum für uns als Zieldatum nehmen.

Kanitz: 2050 selbstverständlich. Das liegt übrigens auch daran, dass ich dann 66 Jahre alt werde und in Rente gehe. Und meine persönliche Ambition ist, das Endlager vorher zu eröffnen.

Studt (lacht): Wenn der Zugang barrierefrei gestaltet ist, bin ich auch gern noch dabei – mit fast 90.

Das Interview führte Christoph Scheld.

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