Auf den Millimeter - ein Besuch in der Markscheiderei Morsleben

von Joachim Schüring

Bevor das Endlager mit Spezialbeton verfüllt und stillgelegt wird, muss es in einem betriebssicheren Zustand verbleiben. Die Markscheider von Morsleben sind es, die jede Bewegung des Berges genau messen. Viel tut sich da aber nicht.

Mit vier Metern pro Sekunde geht es abwärts. Ein warmer Wind weht durch den offenen Fahrkorb, im Dunkeln sieht man das raue Gestein des Schachts vorbeiziehen. Nach anderthalb Minuten bremst die Kabine und hält sanft federnd auf der obersten von vier Sohlen des ehemaligen Salzbergwerks Morsleben. 386 Meter haben wir zurückgelegt – zum Vergleich: Deutschlands höchstes Bauwerk, der Berliner Fernsehturm, misst bis zu seiner Spitze 368 Meter.

Noch einmal etwa hundert Meter unter uns lagern jene schwach- und mittelradioaktiven Abfälle, die hier zwischen 1971 und 1991 und von 1994 bis 1998 deponiert wurden. Wenn das Bergwerk vollständig mit Spezialbeton verfüllt ist, werden die in 480 Metern Tiefe lagernden Abfälle langfristig sicher verwahrt sein. Doch noch ist die Stilllegung – damit ist die Verfüllung gemeint – nicht genehmigt. „Vor 2028 werden wir damit nicht beginnen können“, sagt der Werksleiter des Bergwerks, Frank-Holger Koch. „Bis dahin müssen wir das Bergwerk in einem betriebssicheren Zustand erhalten.“

Nach einem kurzen Fußweg über die hell erleuchtete Strecke klettern wir auf die Ladefläche eines Pick-ups und starten zu einer Fahrt durch ein Labyrinth von Gängen. Das Gestein ist so stabil, dass fast nirgends Sicherungsmaßnahmen notwendig sind. Nur im zentralen Teil des Bergwerks, wo der Salzabbau einst besonders intensiv betrieben wurde, war es in der Vergangenheit zu teils größeren Gesteinsabbrüchen gekommen. Aus diesem Grund wurden zwischen 2003 und 2011 in diesem Bereich 27 der insgesamt rund 700 ehemaligen Salzabbaue mit fast einer Million Kubikmetern Spezialbeton verfüllt – das entspricht der Ladung von ungefähr 120.000 Betonmischer-Lkw.


Kräftemessen des Berges mit den Hohlräumen in seinem Inneren

Henning Schmedes ist Vermessungsingenieur und Leiter der sogenannten Markscheiderei – der mittelalterliche Begriff beschreibt die Abtrennung (das Scheiden) von Grenzgebieten (Mark). Schmedes und sein 14-köpfiges Team überwachen mithilfe zahlreicher, über das gesamte Bergwerk verteilter Sensoren und Messinstrumente sämtliche Bewegungen des Berges unter und über Tage. „Irgendwann würde der Berg mit seinem schieren Gewicht natürlich alles hier zusammendrücken“, sagt Schmedes. Die Markscheider sind die Schiedsrichter im Kräftemessen des Berges mit den Hohlräumen in seinem Inneren.

Schmedes hat an einem dünnen Stahlseil Halt gemacht, das vom Boden an die Decke des etwa 2,5 Meter hohen Tunnels reicht. „Wir messen die Kräfte, die auf das Seil wirken“, sagt er. „Unter der Last werden die Strecken immer enger.“ Es gibt 270 solcher „Konvergenzmesspunkte“, an denen sich Veränderungen des Querschnitts erfassen lassen. „Sie liegen meist bei unter einem Millimeter pro Jahr.“

Später zeigt er auf ein sogenanntes Fissurometer. Es überbrückt einen kleinen Riss und ermittelt die dreidimensionalen Bewegungen. Etwa drei Dutzend dieser Geräte gibt es im Bergwerk. Auch sie zeigen nur Unbedenkliches. Hinzu kommen 75 Extensometer: bis zu mehrere Dutzend Meter lange Längenmessgeräte, die in Bohrlöchern verankert sind. Im zentralen Bereich, dort, wo die 27 Abbaue verfüllt worden waren, registrierten sie erwartungsgemäß Verschiebungen von bis zu vier Millimetern pro Meter und Jahr.


Regelmäßig bestimmen die Markscheider überdies die räumlichen Lagen von rund 860 Nivellierpunkten, die sie entlang einer Strecke von 25 Kilometern angebracht haben. Und wenn sich irgendwo im Bergwerk ein Spannungsriss bildet oder ein Salzbrocken von der Decke fällt, werden die Seismografen das registrieren. „Meist reagieren diese nur auf irgendein Erdbeben irgendwo auf der Welt“, erzählt Schmedes. „Ein-, zweimal im Jahr liegt die Ursache aber hier im Bergwerk.“

Salz gehört neben Ton- und Kristallingesteinen zu den potenziell geeigneten „Wirtsgesteinen“ für die Endlagerung radioaktiver Abfälle. Es ist hitzebeständig und verhält sich unter langsamem Druck plastisch. Nur Wasser kann die Vorteile zunichte machen – so wie im ehemaligen Versuchsbergwerk Asse, aus dem die dort gelagerten schwach- und mittelradioaktiven Abfälle aus diesem Grund wieder entfernt werden sollen. In Morsleben stammt das meiste Wasser aus den Schächten des Endlagers, weil diese natürlich durch Grundwasser führende Schichten stoßen. Pro Jahr sind das aber nur acht- bis neuntausend Kubikmeter, die sich einfach auffangen und ableiten lassen. Abgesehen davon gibt es im Bergwerk kaum Lösungszutritte: Insgesamt müssen nur etwa elf Kubikmeter pro Jahr entsorgt werden. „Da haben wir es gut hier“, sagt Werksleiter Koch. „So viel läuft in der Asse an einem Tag in die Anlage.“

Ein Mann mit weißer Hose und weißem Helm schaut durch ein Nivelliergerät. Er steht leicht gebückt. Im Hintergrund ist eine weiße wellige Wand zu sehen.
© Verena Brüning
Regelmäßig vermessen: Markscheider Henning Schmedes und sein Team mit dem Nivelliergerät fast 900 Messpunkte. Auf diese Weise erfassen sie vertikale Gebirgsbewegungen.

Infografik
Die Markscheider messen sämtliche Bewegungen innerhalb und oberhalb des ehemaligen Salzbergwerks. Dazu haben sie über und unter Tage Hunderte von hochempflichen Geräten installiert.

Das Bergwerk von Morsleben erstreckt sich über eine Breite von rund 1,5 und eine Länge von etwa 5 Kilometern, alles in allem könnte man hier unten rund 50 Kilometer durch die Gegend fahren und laufen. Auf dem Rückweg machen wir Halt an einem der ehemaligen Abbaue. Alles hier ist aus purem Kochsalz, das bis 1969 als „Sonnensalz aus Bartensleben“ in den Regalen der Geschäfte stand. Es ist ein eindrucksvolles Erlebnis, in diesem 30 Meter breiten, bis zu 18 Meter hohen und über 100 Meter langen Hohlraum zu stehen, den die Bergleute vor rund hundert Jahren schufen.

Vor allem wird einem in der riesigen Abbaukammer noch einmal bewusst, dass jene 37.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiven Abfälle leicht in eine dieser Kammern passen würden. Verfüllt werden muss aber das ganze unterirdische Labyrinth aus Strecken, Schächten und Abbaukammern. Gut fünf Millionen Kubikmeter müssen in den Untergrund gepumpt werden – eine Herkulesaufgabe. „Wenn wir 2028 damit anfangen“, sagt Frank-Holger Koch, „wird es ungefähr 15 Jahre dauern, bis hier nur noch grüne Wiese wächst.“


Der Autor

Joachim Schüring ist Geologe und Wissenschaftsjournalist. Er leitet den Berliner Standort der ZEIT-Tochter Tempus.

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