Langzeitsicherheit: Wimpernschlag oder Ewigkeit

von Julia Graven Artikel

Sicher ist sicher. Das sagt man so. Doch je weiter der Blick in die Zukunft geht, desto mehr Ungewissheiten gibt es. Beim Umgang mit radioaktiven Abfällen geht es für die Risikoforscherin Anne Eckhardt daher um die Suche nach dem Bestmöglichen.

Bei der Langzeitsicherheit der Endlager für radioaktive Abfälle geht es um Zeiträume, die für uns Menschen schlichtweg unvorstellbar sind.

Anne Eckhardt arbeitete als junge Mitarbeiterin in einem Zürcher Ingenieurbüro, als sie die Chance erhielt, für die Kommission für die Sicherheit von Kernanlagen in der Schweiz zu kandidieren. Ein Thema, zu dem sie bis dahin keinen direkten Bezug hatte. Ihre Familie, ihre Freund*innen, ihr ganzes Umfeld standen der Kernenergie eher kritisch gegenüber. Die Aussicht, in der Kommission mitzuarbeiten, bereitete Eckhardt also zunächst einmal schlaflose Nächte. Doch dann merkte sie, wie sehr das Thema mit seinen technischen und gesellschaftlichen Dimensionen sie faszinierte. Sie sagte zu – und war nach ihrer Wahl in der Kommission die erste und zu Beginn einzige Frau unter zwölf Männern.

Heute ist die gebürtige Saarländerin auch in Deutschland als Expertin gefragt. Unter anderem beriet sie das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Der Umgang mit Ungewissheiten gehört für die ruhig abwägende Naturwissenschaftlerin zum Berufsalltag. Was es braucht, um gut mit diesen Ungewissheiten zurechtzukommen? Für Eckhardt sind es vor allem Fachwissen und Erfahrung. Doch eines stellt sie klar: Auch der erfahrenste Ingenieur oder die beste Geologin kann keine absolute Sicherheit bei der Entsorgung radioaktiver Abfälle garantieren. Die gäbe es nur, wenn alle Informationen, alle zukünftigen Randbedingungen hundertprozentig bekannt wären. Nur dann könnten Entscheidungen „unter Sicherheit“ getroffen werden, wie es in der Entscheidungstheorie heißt. Doch das ist in aller Regel ein rein theoretischer Fall für die Mathematik. Die Betrachtung der Langzeitsicherheit eines Endlagers steht in der Praxis unter einem ganz anderen Stern.

Da gibt es Ungewissheiten – und das bedeutet: Wir haben nicht genügend Informationen, um die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Entwicklung zu benennen, eines Ereignisses, von dem aus heutiger Sicht womöglich noch niemand ahnt. Bei der Langzeitsicherheit der Endlager für radioaktive Abfälle geht es um Zeiträume, die für uns Menschen schlichtweg unvorstellbar sind.

Langfristige Prognosen treffen

Für Geolog*innen ist der Umgang mit solch gewaltigen Zeitspannen dagegen alltägliches Geschäft – jedenfalls, wenn es um die vergangenen Zeitalter geht. In ihren Maßstäben ist eine Zeitspanne von einer Million Jahre ein „Wimpernschlag“. Geolog*innen erforschen Prozesse in der Erdkruste, die sich über Hunderte von Millionen Jahren oder länger erstrecken. Und sie können Prognosen mithilfe von Modellen und Simulationen für die Zukunft treffen. „Bei einem Wirtsgestein, das über viele Millionen Jahre stabil ist, kann eine Prognose über eine Million Jahre durchaus verlässlich sein“, erklärt Anne Eckhardt. Weniger langfristig funktionieren Prognosen bei Bauwerken. Zu ihnen zählen zum Beispiel die Abdichtbauwerke, mit denen das ehemalige Salzbergwerk in Morsleben verschlossen werden sollen. Natürlich sind die Werkstoffe heute mit denen aus der Antike nicht vergleichbar, doch ob Beton, Asphalt oder Stahlbehälter – bei diesen technischen Barrieren lässt sich die Zukunft bestenfalls einige Tausend Jahre abschätzen.

Wenn es um Menschen geht, sind deren Handlungen kaum oder gar nicht vorhersehbar. Sie könnten in ferner Zukunft unbeabsichtigt in Endlager eindringen, zum Beispiel bei der Erschließung neuartiger Erdwärmequellen. Sie könnten die Endlager aber auch absichtlich öffnen oder beschädigen. Die Ungewissheit ist groß: Niemand kann ahnen, wie Menschen in Hunderten oder Tausenden von Jahren mit einem Endlager wie Morsleben umgehen werden. Selbst ob es dann überhaupt noch Menschen gibt, ist ungewiss.

Doch die Ungewissheit sei eben auch keine Entschuldigung fürs Nichtstun, meint Anne Eckhardt. Selbst wenn im Endlager Morsleben „nur“ schwach-und mittelradioaktive Abfälle lagern, muss der Müll in dem einstigen Salzbergwerk mindestens 100 000 Jahre sicher aufbewahrt werden. Mensch und Umwelt müssen trotz aller Ungewissheit dauerhaft geschützt sein. So gut es machbar ist.

Für den Umgang mit den Ungewissheiten gibt es eine international anerkannte, transparente Vorgehensweise: Sie werden zunächst identifiziert, dann beschrieben und anschließend beurteilt. Schließlich legen die Fachleute fest, wie mit Ungewissheiten, die sich nicht beseitigen lassen, umgegangen wird. So schaffen sie eine Entscheidungsgrundlage für Politik und Verwaltung.

Der erfahrenste Ingenieur oder die beste Geologin kann keine absolute Sicherheit garantieren

„Stressfaktor Mensch“

Portrait Anne Eckhardt
Anne Eckhardt ist Expertin für Sicherheit, Risiko und Ungewissheit. Die promovierte Biophysikerin beschäftigt sich vor allem mit den Chancen und Risiken neuer und umstrittener Technologien. Sie war von 2012 bis 2019 Präsidentin des Rats des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (ENSI), der Aufsichtsbehörde über die Kernanlagen in der Schweiz. Aktuell arbeitet sie im Forschungsprojekt TRANSENS am Brückenschlag zwischen Gesellschaft und Wissenschaft bei der Entsorgung hochradioaktiver Abfälle in Deutschland mit.

Ein extremes Beispiel für eine solche Ungewissheit ist der Einschlag eines großen Meteoriten. Expert*innen wissen aufgrund der geologischen Zeugnisse, dass sie im Lauf der Erdgeschichte teils globale Veränderungen wie Massensterben auslösten. Doch in den Planungen für ein Endlager spielen sie keine Rolle. „Der Einschlag eines Meteoriten, der ein Endlager in einigen Hundert Metern Tiefe schädigt, hätte derart katastrophale Folgen, dass die Strahlung von schwach- und mittelradioaktiven Abfällen kaum von Bedeutung sein dürfte“, erklärt Anne Eckhardt. Wir hätten dann schlicht andere, schwerer wiegende Sorgen.

Anders ist es beim „Stressfaktor Mensch“. Die Ungewissheit angesichts des menschlichen Handelns ist für die Expertin durchaus ein Problem, für das es keine einfachen Lösungen gibt. „Man kann nicht ausschließen, dass Menschen schon in relativ naher Zukunft die Sicherheit des Endlagers gefährden.“ In dieser grundlegenden Bewertung des Risikos sind sich die Fachleute einig – und folgern daraus: Die Abfälle sollen langfristig möglichst dort lagern, wo zukünftige Generationen nur schwer herankommen. Es geht also nicht nur darum, Menschen vor den Abfällen zu schützen, sondern auch darum, die Abfälle vor dem Zugriff der Menschen zu bewahren. Deshalb setzt das deutsche Endlagerkonzept auf die sogenannte geologische Barriere. Sie gewährleistet den Hauptschutz. So lange, bis die Gefahr aufgrund der immer schwächer werdenden Strahlung von selber schwindet.

An die folgenden Generationen denken

Die enorme Zeitspanne von einer Million Jahren sieht die Risikoexpertin als „Metapher für eine sehr ernsthafte Verpflichtung, langfristig Gewissheit zu gewährleisten“. Es gehe vor allem darum, unseren Nachfahren keine Lasten aufzubürden. „Das Endlager soll so gut sein, dass diejenigen, die nach uns kommen, sicher leben können, ohne dafür Aufwand betreiben zu müssen“, sagt Eckhardt. Dabei sieht sie durchaus die Möglichkeit, dass es in Zukunft noch bessere Ideen geben könnte, was mit den Abfällen passieren soll. Auch deswegen ist für sie die Tiefenlagerung die beste Option: tief im Untergrund, aber doch nicht ganz außer Reichweite. Aus Eckhardts Sicht ist das ein ehrlicher Umgang mit dem Problem.

Aber er ist eben nicht ohne Ungewissheiten. Eine völlig risikolose Endlagerung ist nicht in Sicht. Weil die Sehnsucht danach so groß war, diskutierten manche ernsthaft den Einsatz der amerikanischen Space Shuttles als Atommülltransporter. Von ihrer Umlaufbahn aus sollten sie die Abfälle in Richtung Mars schießen. Spätestens nach dem Challenger-Unglück im Jahr 1986 war dieser Traum ausgeträumt.

Unterdessen wurden bis zum weltweiten Verbot Anfang der 1990er-Jahre Fässer mit Atommüll im Atlantik, im Pazifik und im Arktischen Ozean verklappt – ganz legal. Auch Deutschland war dabei, wenn auch nur in winzigem Umfang. Anfang 1967 wurden 480 Fässer mit radioaktiven Abfällen aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe vor der Küste Portugals im Atlantik entsorgt. Anne Eckhardt erinnert sich mit Schaudern an Überlegungen, die radioaktiven Abfälle zum Beispiel im grönländischen Inlandeis zu entsorgen. „Man dachte, das wäre weit, weit weg von allen menschlichen Aktivitäten“, sagt sie. „Aber jetzt haben wir den Klimawandel, die Eismassen sind bedroht, und wir merken, dass das keine gute Idee gewesen wäre.“

„Die Abfälle sind in der Welt und verschwinden nicht von selbst“ (Anne Eckhardt)

Schweiz als Vorbild

Wenn es um die Akzeptanz eines geologischen Tiefenlagers geht, so sieht Eckhardt ihre Wahlheimat Schweiz durchaus als Vorbild. Die Bevölkerung sei im Umgang mit den radioaktiven Abfällen „tendenziell lösungsorientiert und pragmatisch“, sagt sie. Die Zustimmung für die geologische Tiefenlagerung nehme laut Eckhardt zu, je weiter das Standortauswahlverfahren voranschreitet. Auch wenn viele Menschen nach wie vor Vorbehalte haben, besteht eine gute Chance, dass die Bevölkerung „letztlich zu dem Schluss kommt, dass es das Beste ist, was wir jetzt tun können. Also machen wir das so“.

Warum einige Bürger*innen dabei immer noch Bauchweh haben? Obwohl die Abfälle derzeit in oberirdischen Zwischenlagern stehen und dort Mensch und Umwelt gefährden können? Für Anne Eckhardt hat das vor allem mit Kontrollierbarkeit zu tun. Zwischenlager seien konkreter begreifbar: Industrieanlagen, die Besucher*innen empfangen, wo die Mitarbeiter*innen erzählen, wie der Alltag dort aussieht. Endlager hingegen werden anders wahrgenommen. Der „Eindruck, dass es in der Tiefe Einflüsse geben könnte, die wir nicht im Griff haben, bleibt“, sagt Eckhardt. Vielleicht ist da doch ein verborgener Spalt? Vielleicht wird unser Trinkwasser irgendwann trotz aller Vorsicht kontaminiert? „Die Möglichkeit, selbst in irgendeiner Art und Weise ausreichend Kontrolle zu haben über so eine Anlage, wird als deutlich geringer wahrgenommen“, erklärt die Wissenschaftlerin das verbreitete Unbehagen gegenüber Endlagern im tiefen Untergrund.

Ehrlicher Dialog mit der Gesellschaft

"Die Endlagerung in tiefen geologischen Formationen ist das Beste, was uns zurzeit zur Verfügung steht." (Anne Eckhardt)

Aus ihrer Sicht hilft dagegen nur eine offene, transparente Kommunikation. Bürger*innen hätten ein Recht auf einen echten Dialog. Die Expert*innen müssen wissen, was die Öffentlichkeit bewegt – und sie müssen Antworten auf Fragen geben, auch beim Thema Langzeitsicherheit. Verantwortlich seien die Wissenschaftler*innen, die über die Disziplinen hinweg die besten Möglichkeiten ausloten, um dann den Politiker*innen eine gute Entscheidungsgrundlage zu bieten. Die Bürger*innen sollten nicht mitentscheiden, weil sie anders als die Politiker*innen nicht die Verantwortung für eine Entscheidung im Sinne des Gemeinwohls tragen könnten.

„Die Abfälle sind in der Welt und verschwinden nicht von selbst. Die Endlagerung in tiefen geologischen Formationen ist das Beste, was uns zurzeit zur Verfügung steht“, sagt Anne Eckhardt. Und fügt hinzu: „Es ist die Lösung, die sich zunehmend auch weltweit durchsetzt.“ Die Abfälle in einem Endlager dauerhaft sicher zu lagern, sei definitiv besser, „als wenn wir vor der großen Herausforderung der Entsorgung erstarren und untätig bleiben“. Anders als damals, 1995, als sie sich zum ersten Mal mit der Sicherheit von Kernanlagen beschäftigte, bereitet ihr das heute keine schlaflosen Nächte mehr.

Die Autorin

Julia Graven lebt als freie Journalistin in München. Sie arbeitet vor allem für „National Geographic Deutschland“, schreibt aber auch für andere Magazine über Nachhaltigkeit und Umwelt.

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